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Die Zeit danach
Gästebuch 4

In meinem Diary  wimmelt es von Rechtschreibfehlern, Wortwiederholungen und zu langen Absätzen. Dieses ist darauf zurückzuführen, dass ich die Tagebucheintragen mit vielen Tränen und unter enormen Belastungen geschrieben habe. Dies im Nachhinein zu ändern, wäre nur ein Verfälschen. Bitte haben Sie Nachsicht mit mir;-) 

 

02.04.2014

Seid vorgestern bin ich wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Zuerst hat man den Bruch an der Augenhöhle nochmals versorgt. Danach hat sich alles entzündet und war am eitern wie z.B. Kieferhöhle, Augenhöhle, mit Übergreifen auf mein linkes Auge sodass ich notoperiert werden musste. Meine Wunde unter dem Auge musste insgesamt dreimal geöffnet werden, was die Narbe die bleiben wird auch nicht schöner macht. Nach wie vor habe ich Doppelbilder, weil das Auge immer noch nicht richtig in der Augenhöhle sitzt. Eine Nachoperation wird aber später eine Augenklinik machen. Den Strafantrag und die Aussage bei der Polizei gegen Patty konnte ich dadurch erst gestern machen. Strafantrag habe ich deshalb gestellt, damit so wie Pattys behandelnder Arzt aus der Klinik es formulierte, jetzt die notwendige medizinische Versorgung bekommt. Dieser Arzt hat die Befürchtung das Patty die Tat wiederholen wird, zumal er mir gegenüber die Hemmschwelle verloren hat. Natürlich geht es mir nicht gut dabei! Ebenso war Jemand vom weißen Ring bei mir.

Sammy, Cally und Armin fahren einmal in der Woche zu Patty, um ihn zu besuchen. Nach wie vor kann er die Station nicht verlassen, was auf mich beruhigend wirkt. Dennoch möchte ich ihn im Moment nicht sehen, zumal ich Angst vor unserer ersten Begegnung habe. Patty sieht in seinem Krankheitswahn nicht die Schwere seiner Tat. Nach wie vor hält er an seinen Verschwörungstheorien fest. Meine Angst vor Fehlentscheidungen der Ärzte und des Richters ist allgegenwärtig. Da nutzte mir auch nicht die Betroffenheit der Kriminalbeamtin die gestern meine Aussage aufnahm. Sie hat in meiner Aussage den jahrelangen Kampf mit Ämtern, Behörden und Ärzten mit eingebracht. Ich brauche keine Betroffenheit, sondern einfach nur endlich ein richtiges handeln. Daran glaube ich nach wie vor nicht. Meine kleine Enkeltochter hat die schreckliche Situation recht gut verarbeitet. Wie geht es mir?! ich weiß es nicht, oder kann nicht richtig fühlen. Weder bin ich traurig, nicht depressiv, noch fröhlich. In mir ist eine Leere. Vielleicht bin ich auch fassungslos, oder enttäuscht, ach ich kann meine Gefühle sehr schlecht deuten. Anfangs hatte ich einen Redezwang bei gewissen Leuten, oder auch im Forum. Jetzt mag ich nicht mehr darüber reden. Das Schlimmste ist wenn man nicht weinen kann, obwohl man eigentlich weinen möchte. Wenn man hassen möchte und es nicht zulassen darf und wütend sein darf, aber es nicht kann.   Einige liebe Mitmenschen haben eine Aktion gestartet und uns ein Wochenende in der Niederlausitz geschenkt. Dort waren Armin und ich vor einigen Jahren, als wir das erste Treffen aus meinem früheren Forum hatten. Wir haben sehr nette Menschen kennengelernt und freuen uns diese wiederzusehen. Ebenso konnte ich damals den Spreewald, die schöne Gegend und Dresden kennenlernen. Ich liebe die Natur, alte Gebäude und freue mich das alles wiedersehen zu können. Vielleicht kommen dann wenigstens die positiven Gefühle zurück. Vielleicht schaffe ich es dann auch wieder zu weinen. Ich bedanke mich absichtlich hier und aus gewissen Gründen nicht im Forum dafür. Vielen Dank und wir nehmen es gerne an.

03.04.2014

Heute hat die Klinik meinen Mann angerufen. Patty wird am 10.04. von der Kripo verhört und wird am 11.04. aus der Psychiatrie entlassen. Er wäre in einem Zustand in der er für sich und andere zur Zeit keine Gefährdung mehr darstellt und es gäbe keine rechtliche Handhabe  ihn länger dazubehalten. Während ich nach wie vor mit meinen Schmerzen lebe und mich in weitere ärztliche Behandlungen begeben muss, kann mein Sohn in seinem Krankheitswahn weiter agieren.

ICH BIN FASSUNGSLOS!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Ich muss mit der Angst weiterleben, was mir fast den Verstand raubt.

06.04.2014

Gedanken

Mein Kind,

zum ersten mal nach der Tat haben wir gestern telefonisch miteinander reden können. Du hast angerufen und ich bin mir sicher das Dir nach und nach alles bewusst wird.

Ich wünsche mir für Dich das Du weiter damit leben kannst und ich hoffe für mich das die gesundheitlichen Folgen nicht ganz so gravierend werden. Du hast mich gefragt ob ich Dich hassen würde. Nein ich hasse Dich nicht, aber ich hasse das was Deine Krankheit und Deine Sucht aus Dir gemacht hat. Ich hasse Deine fehlende Krankheitseinsicht und ich hasse den Tag an dem das passiert ist. Ich hasse es mich der Willkür der Behörden auszuliefern, wenn ich nach Hilfe für Dich frage. Ich hasse das Gefühl der Todesangst die ich um Dich habe und an jenem Tag um mich hatte. Ich hasse meine schlimmen Träume. Aber Dich mein Kind habe ich auf die Welt gebracht und Du warst vor Deiner Krankheit ein ganz toller Junge. Als erwachsenen Mann durfte ich Dich nicht kennenlernen, denn da hatte Dich die Krankheit schon fest in Griff.

Du hast mich gefragt, ob ich Angst vor Dir habe Ja ich habe Angst. Vor der unberechenbaren Art die deine Krankheit aus Dir gemacht hat. Vor unserer ersten Begegnung nach dem Übergriff. Angst vor einer Wiederholung. Angst nicht mehr gesund zu werden und Angst davor Dir nicht mehr so unbefangen entgegentreten zu können. Angst vor der Veränderung die dieser Tag mit sich bringt. Angst vor Deiner, meiner und unserer Zukunft.

Was hat mir der Tag X gebracht. Dieser Tag hat mir gezeigt das bei mir eine Grenze erreicht worden ist. Vielleicht war diese schon lange überschritten, nur ich habe es nicht bemerkt. Meine persönliche Grenze ist das körperliche Aus in dem ich mich jetzt befinde, denn das seelische Aus muss schon längst da gewesen sein. Nun bin ich es, die Hilfe braucht. Der Unterschied zu Dir; Ich nehme die Hände an, die sich mir entgegenstrecken. Sei es ärztliche Behandlung, weisser Ring und Psychotherapie. Ich will nicht in dem Sog gefangen bleiben in dem ich mich gerade befinde und glaube mir es kostet mich eine Menge Kraft nicht weiterhin in diesem Sog reingezogen zu werden, sondern dagegen anzukämpfen.

Was ich mir wünsche ist ein lebenswertes Leben für Dich, für mich, für uns. Glaube mir es gibt so vieles wofür es sich lohnt zu leben, nicht nur für mich sondern auch für Dich.

In Liebe

Deine Mom

11.04.2014

Gestern haben wir allerdings telefonisch über Patty erfahren, das er am heutigen Tag in die Forensik kommt. Wie diese Entscheidung gefallen ist, weiß ich nicht. Trotz allem geht es mir nicht gut dabei. Da ist zwar eine gewisse Erleichterung weil er jetzt weiter behandelt wird und ich auch keine Angst haben muss, dass er plötzlich vor der Türe steht. Trotzdem war er gestern unendlich traurig und ich bin nach wie vor wie gelähmt in meinen Gefühlen. Eine gewisse Verbitterung macht sich in mir breit. Nach jahrelangem Kampf um Hilfe sind wir an einem Punkt gelangt wo es fast zu spät ist für Hilfe. Obwohl mir die Ärzte gesagt haben, das, dass was passiert ist auch erst passieren musste, damit gehandelt wird, ist doch der Preis den wir alle dafür zahlen müssen sehr hoch.

In der Reha hatte man mir angeraten wegen der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung die volle Erwerbminderungsrente einzureichen. Ich wollte es nicht, ich wollte noch einmal durchstarten. Nach dem Übergriff habe ich die Rente eingereicht. Das bringt uns eine große finanzielle Einbuße mit. Diese Entscheidung wurde mir an dem Tag als der Übergriff passiert ist kurzerhand abgenommen. Was ich jetzt brauche ist Zeit. Was ich hoffe ist das Patty ebenso die Zeit in der Forensik nutzt, um irgendwann ein lebenswertes Leben zu führen.

21.04.2014

Zwischenzeitlich hat mich die Polizeibeamtin angerufen, die meine Aussage aufgenommen hat. Sie informierte mich das Patty erst einmal per richterlichen Beschluss in eine Forensik bis zur Gerichtsverhandlung untergebracht wurde. Ebenso war ich dann zu einer Beratung bei einer sogenannten "Opferanwältin", die mir der weiße Ring empfohlen hat. Leider kann man meine polizeiliche Aussage bei der Gerichtsverhandlung nicht nutzen, ich werde aussagen müssen. Ich habe aber ein Aussageverweigerungsrecht, weil Patty mein Sohn ist. Nur weil ich Strafantrag gestellt habe ist es wenig ratsam von dieser Gebrauch zu machen. Ich hadere sehr mit mir. Denn eigentlich müssten ebenso auch Ärzte, Behörden und der Richter mit auf der Anklagebank sitzen. Es wäre nicht soweit gekommen, hätte man früher auf mich gehört. Die Verlierer dabei sind sowieso nur Patty und ich. Wie immer!!! Ich bin einfach nur wütend. Das ist das einzige Gefühl was ich zur Zeit empfinden kann. Ich hätte Lust jemanden der es verdient hätte so zu verhauen, damit ich meine innerliche Wut endlich abbauen kann. Ich fühle mich einfach nicht wohl in meiner Haut. Da ist nach wie vor meine taube Gesichtshälfte, die Doppelbilder wenn ich nach unten schaue, der stechende Schmerz wenn mein Gesicht mit Kälte in Berührung kommt. Zwischen Narbe und Auge hat sich Lymphwasser gebildet. Selbst wenn Leute die über die Verletzung wissen sagen, dass dies schon gut aussehe, so gibt es auch Leute die ich immer wieder treffe die mich auf mein Auge und Narbe ansprechen. Ich weiß ich muss mich für nichts schämen und trotzdem ist es mir unangenehm.

Patty wird immer klarer und ist sich immer mehr bewusst was er überhaupt getan hat. Armin und die Jungs haben ihn am Karfreitag in der Forensik besucht. Ihm scheint es dort den Umständen entsprechend gutzugehen.

28.04.2014

Armin und Sammy haben gestern Patty wieder in der Forensik besucht. Diese Woche bekommt Patty einen Anwalt gestellt. Das ganze bereitet mir so langsam Magenschmerzen. Ich bin bestimmt nicht die erste Mutter, die gegen ihren Sohn Strafantrag gestellt hat. Trotzdem ist es ein komisches Gefühl das sich jetzt bis auf weiteres Anwälte darum kümmern. Niemals habe ich gedacht das es so weit kommen musste. Mit allem anderen habe ich gerechnet, nur nicht damit. Aber so schreibt das Leben eben seine Geschichte. Ich bewundere im Moment meinen Mann, der im Spagat immer zwischen mir und Patty pendelt. Ich glaube das ihn das auch viel Kraft kostet. Der Alltag pendelt sich ganz allmählich wieder ein. Trotzdem ist alles anders.

06.05.2014

Heute hat Patty wieder angerufen. Das heißt, das die Mitarbeiter der Forensik bei uns anrufen, damit wir zurückrufen, weil Patty uns sprechen möchte.

Der Anwalt war heute bei ihm. Patty will das ich die Anzeige zurückziehe. Es wird zu einer Gerichtsverhandlung kommen und Patty muss mit Maßregelverzug nach §63 rechnen. Der Anwalt erzählte Patty auch davon, dass die Gefahr der Wiederholung bei ihm bestünde. Patty meint das er dann für eine lange Zeit in der Forensik bleiben muss. Ich würde ihm sein ganzes Leben versauen.

..........und ich? Ich habe ihm heute über das ganze Ausmaß meiner Verletzungen berichtet. Der Arzt sagte mit letzte Woche, das bei solchen Verletzungen der Heilungsprozess noch Monate dauern kann. Erst dann ist man zu einer Prognose bereit. Ich weiß noch nicht einmal ob ich wieder arbeiten gehen kann. All das habe ich ihm heute gesagt. Diesmal habe ich ihn nicht geschont. Es wäre nicht passiert wenn er sich rechtzeitig in Behandlung begeben hätte. Ich sagte ihm noch das ich die Anzeige nicht zurückziehen werde, um ihn zu helfen und um uns und andere zu schützen. Wieder einmal behauptete er, er hätte in Notwehr gehandelt. Da sprach dann wieder seine Krankheit.

Da wir ein verlängertes Wochenende fortfahren, besuchen Cally und Sammy ihn am Sonntag.

Nach wie vor bin ich noch ziemlich emotionslos. Ich habe diese Woche erfahren das ein langjähriger Freund von uns gestorben ist, der nur wenig älter war als ich. Ich habe mich über mich selbst erschrocken wie nüchtern ich das aufgenommen habe. Von einem Arzt habe ich erfahren das, dass nach den traumatischen Ereignissen eine Art Selbstschutz meines Körpers wäre. Alles kommt mit der Zeit wieder, allerdings dosiert das der Körper nach und nach. Naja, ich hoffe mal das wird wieder. Das Gefühl der innerlichen Leere lässt mich oft vernünftig handeln, da das Bauchgefühl ja gerade nicht existiert. Trotzdem würde ich mich gerne von der innerlichen Leere verabschieden. Da Armin sich über meine Veränderungen große Sorgen macht, spiele ich ihm oft gute Laune vor. Das konnte ich schon immer gut. Da sind wir co-abhängige Mütter Profis, wir haben es ja anderen so oft vorgespielt. Trotz der Leere bin ich froh das Wochenende wegzufahren, sodass Armin und ich bei lieben Menschen abschalten können und etwas anderes sehen. Hoffentlich spielt das Wetter mit. 

16.05.2014

Momentan geht es Patty nicht so gut. Er hat wieder einen Schub. Ich bemerkte das bei einem Telefonat mit ihm. Trotzdem beruhigt es mich, weil er ärztlich versorgt ist und vor allen nicht mehr auf der Straße lebt. Ich habe erfahren das ein ärztliches Gutachten über ihn erstellt wird, was wohl wichtig für die Gerichtsverhandlung wäre. 

Heute war ich auf der Beerdigung unseres langjährigen Freundes und ich konnte das erste mal nach langer Zeit wenigstens für einen kurzen Moment, endlich so etwas Trauer empfinden. Ich scheine innerlich wohl doch nicht so leer zu sein wie ich dachte. Als meine Tränen flossen fühlte ich mich auch ein wenig erleichtert. Für unseren Freund war der Tod eine Erlösung, auch wenn er nur drei Jahre älter wurde als ich jetzt bin. Er war sehr schwer erkrankt und ist friedlich eingeschlafen.

Wie gewünscht haben wir im Forum einen Bereich für trauernde Angehörige eingerichtet. Oft wird man von Freunden und auch Verwandtschaft in seiner Trauer allein gelassen. Das ist oft keine Absicht, sondern meist Hilflosigkeit. Dennoch ist das Mitteilungsbedürfnis von Trauernden nicht verschwunden. Gerade wenn man ein suchtkrankes Kind/Enkelkind/ Bruder oder Schwester verloren hat, fehlt sehr oft das Mitgefühl der Mitmenschen. Deshalb ist es umso wichtiger sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, gerade dann wenn ein suchtkrankes Kind verstorben ist fehlt bei vielen Mitmenschen oft das Mitgefühl.

Alles Liebe
Anja

20.06.2014

Im Moment ist alles sehr ruhig. Patty will aufgrund der kommenden Gerichtsverhandlung keinen Kontakt mehr zu Armin und mir. Er hält aber Kontakt zu seinen Brüdern. Meine Mutter ist in einer psychosomatischen Tagesklinik, dort hoffe ich das man ihr helfen kann. Sie hat schwerste Depressionen und heftigste Schmerzen. Es beruhigt mich das sie dort zu mindestens tagsüber versorgt ist.

Sammy hat mittlerweile sowie Cally auch seinen Führerschein. Es geht aufwärts, nur mit meiner Angst muss ich noch lernen umzugehen wenn sie mit dem Auto unterwegs sind. Ich bemerke an mir doch wahnsinnige Verlustängste, die ich aber nicht so an die große Glocke hängen will. Die Kinder sind nun mal erwachsen und ich muß mein gluckenhaftes Verhalten ein wenig zurückschrauben.

Mir geht es so lala. Aufgrund meiner Schlafstörungen und schlimmen Träumen sind die Nächte besonders lang. Was mir immer noch ein wenig zu schaffen macht ist diese innerliche Leere, aber so ganz langsam gewöhne ich mich dran. Es hat auch Vorteile wenig zu spüren. Bei Situationen bei denen ich früher in Tränen ausgebrochen war, kann ich jetzt wenigstens mit einer Art Abgekärtheit  überstehen. Es handelt dann nur mein Verstand und kein Gefühl überrollt mich. Das brauche ich vielleicht auch im Moment und ich hoffe das es mir bei der Gerichtsverhandlung hilft.

Der Arzt meint das, dass auch nach so einem Erlebnis erst einmal normal ist, es würde wiederkommen. Weiterhin gehe ich zum Psychotherapeuten. Es hilft mir mich dort auszusprechen.

26.08.2014

Es ist ruhig geworden. Dadurch das ich weiß wo Patty sich gerade befindet, habe ich weniger Sorgen und Angst um ihn. Patty hat allerdings den Kontakt zu uns gebrochen, sodass ich  nur von seinen Brüdern erfahre wie es ihm geht. Es hat den Anschein das es ihm nicht besonders gut geht, denn obwohl der dort nicht an seine Drogen kommt, ist die Krankheit allgegenwärtig.

Ich selbst musste noch einmal zur Polizei eine weitere Aussage machen und ärztliche Atteste nachreichen. Die Staatsanwaltschaft benötigte dieses für die bevorstehende Gerichtsverhandlung. Auf diese warte ich und mir wäre es am liebsten ich hätte es schon hinter mir. Ich habe Angst vor dieser Gerichtsverhandlung. Angst vor der ersten Begegnung nach der Tat mit meinen Sohn. Angst vor seiner Reaktion und Angst meine Fassung zu verlieren.

Trotz meiner schweren Verletzungen und deren Folgen habe ich ihm innerlich verziehen, allerdings komme ich nicht damit zurecht wohin ihn seine Krankheit getrieben hat und zu welcher Tat er fähig war. Inwieweit er sich dafür verantworten muss, entscheidet jetzt das Gericht, dass liegt nicht mehr in meiner Hand. Nur alles steht und fällt mit meiner Aussage und meine Angst ist die, dass ich das selbst nicht aushalte.

Der Polizist der die letzte Aussage aufgenommen hat, hat mich gut aufgeklärt. Er erklärte genau den Ablauf einer Gerichtsverhandlung, erklärte mir wie weit man mit der Ermittlungsakte wäre, wie viele ärztliche Gutachten geschrieben worden sind usw.

Zu meinen Gesundheitszustand: Ich muss jetzt eine Prismen Brille tragen, da sich die Doppelbilder verschlechtert haben und augenchirugisch vorerst nichts zu machen ist. Am Montag habe ich wieder einen Termin bei uns im Klinikum zur Kontrolle. Ich habe immer noch einen großen Teil der linken Gesichtshälfte taub und stechende Schmerzen im Bereich der Brüche. Ebenso durch das angestrengte Sehen Kopfschmerzen.

Ich hoffe das sich das aber mit der Zeit noch legt.

Einmal im Monat besuche ich eine Gruppe von Eltern deren Kinder multiple psychische Erkrankungen vorwiegend Doppeldiagosen haben. Es hilft sich dort auszutauschen, obwohl ich im Austausch von persönlichen Gesprächen ehe vorsichtig bin. Es ist etwas anderes dem Gegenüber von seinem Problemen zu erzählen, als virtuell im WWW zu schreiben. Doch ich habe den Anfang gewagt und gemerkt wie viel Verständnis einem entgegengebracht wird, wenn auch anderen Menschen ähnliche Probleme haben.

29.10.2014

Morgen werde ich zum vierten und hoffentlich letzten Mal wegen meiner Verletzungen operiert.  Es besteht eine 50% Chance das ich dann wieder ohne Doppelbilder sehen kann. Über die anderen 50% möchte ich nicht nachdenken. So oder so ist mein Sehen immer schlechter geworden. Nach CT und MRT scheint man die Ursache jetzt zu kennen und versucht sie morgen zu beheben.

Patty hat kommenden Monat Geburtstag und mir ist es Bedürfnis  ihn zu sehen und in meine Arme zu schließen. Durch meinen Jüngsten habe ich allerdings erfahren das Patty keinen Kontakt mehr will. Er denkt das, dass alles ein Komplott wäre und ich oder Armin mir selbst die Verletzungen zugefügt haben. Auch wenn Sammy ihm immer wieder vor Augen führt das dem nicht so war, bleibt er bei seinen Behauptungen.

Ohne Pattys Zustimmung werde ich ihn auch nicht in der Forensik besuchen. Vielleicht schreibe ich ihm dann, ich weiß es noch nicht.

Es tut nur so weh!!!

09,.11.2014

Endlich ist der Termin für das Sicherungsverfahren ( amtsdeutsch).

Armin, Sammy und natürlich ich sind als Zeugen geladen. Wofür allerdings Armin und Sammy geladen sind weiß ich nicht. Sie trafen ja erst nach der Tat ein, allerdings noch lange bevor die herbeigerufene Polizei am Tatort war. Das Verfahren ist am 9.12.2014 am Landgericht.

Auch wenn das Warten endlich ein Ende hat, so ist der Gedanke daran voller Unbehagen.

Die Operation selbst ist gut verlaufen. Ich habe nochmals zwei PDS Folien unter dem Auge geschoben bekommen, damit es in die richtige Position sitzt. Diese Folien lösen sich nach ca. sechs Monaten auf und dann kann man erst beurteilen ob die OP ein Erfolg war. Allerdings hat durch den Übergriff und die vier OPs mein Trigeminusnerv Schaden genommen, sodass ich trotz tauber Gesichtshälfte heftigste Schmerzattacken habe.

Nichts ist mehr wie es war, seid diesem Tag. Es gibt kaum eine Stunde an dem ich nicht dran denke. Nachts plagen mich schlimme Träume. Auch wenn es mir schwer fällt, sollte ich doch positiv in die Zukunft schauen. Cally mein Mittlerer heiratet im kommenden Jahr. Noch vor einigen Monaten hätte ich mich über diese Nachricht so gefreut, doch die Leere in mir lässt mich nicht freuen. Allerdings fühle ich wenigstens wieder so etwas wie Trauer. Deswegen hoffe ich das sich die positiven Gefühle auch bald wieder einstellen.

Ich habe erfahren das sich meine Familie Sorgen um mich macht und das ist mir sehr unangenehm. Ich habe davon auch lange nichts bemerkt, zumal ich nicht rumjammere. Gerade das scheint ihnen Sorgen zu machen. Sie haben Angst vor einer Kurzschlusshandlung meinerseits. Ich habe meine Lieben beteuert das ich mir nichts antue, denn das wäre nur sehr egoistisch von mir. Ich stelle mich meiner Situation und halte mich Tag für Tag, Woche für Woche und Monat für Monat.

Ich weiß selbst das ich seid dem Übergriff nicht nur körperliche Verletzungen davongetragen habe. Die seelischen Verletzungen sind ebenfalls sehr tief. Ich hebe das erste mal in meinem Leben Todesangst verspürt und diese auch noch von meinem eigenen Kind. Ich bin zutiefst verletzt weil er die Fäuste gegen seine eigene Mutter gerichtet hat. Man hat mir geraten, mich nie wieder alleine mit meinen Sohn zu treffen, weil er eine Hemmschwelle überschritten hat. Die ärztlichen Gutachter befürchten eine Wiederholung der Tat.......und dennoch liebe ich meinen Sohn. Diese Liebe tut so weh, gerade weil ich weiß das er wieder seine Fäuste benutzen wird , wenn er wieder in den Wahnsinn verfällt.

Doch egal was mir die sogenannten Fachleute raten, keiner kann das Band trennen was uns verbindet. Immerhin ist er immer noch mein Sohn, auch wenn ich weiß das ich ihm nie wieder alleine begegnen darf.

23.11.2014

Am 18. hatte Patty Geburtstag. Ich habe ihn angerufen und ihm gratuliert. Auch habe ich gefragt ob ich ihn am kommenden Wochenende besuchen dürfte. Mit seiner Zustimmung haben Armin, Sammy und ich ihn dann heute besucht. Ich stand ihm zum ersten mal nach der Tat gegenüber und habe ihn in den Arm genommen. Er hatte Tränen in den Augen. Erschrocken war er über die Narbe unter meinem Auge. So kurz nach der letzten OP ist es auch noch recht geschwollen. Ich habe ihm vermittelt das, dass heute nicht unser Thema sein sollte.

Patty ist sehr verwirrt und krank. Ein normales Gespräch mit ihm war nur bedingt möglich. Immer wieder erzählte er von einer Stimme die ihn in Besitz genommen hat. Sie würde ihn Dinge sagen lassen, worüber er keine Kontrolle hätte. Ich solle ihm helfen von dieser Stimme loszukommen. Im Grunde genommen war das, dass einzige Thema was wir hatten. Bewegte sich Patty etwas energischer, oder einmal wollte er an der Narbe fühlen, zuckte ich zusammen. Zu sehr ist da noch meine Angst. So traurig wie das klingt und auch wenn ich mir das nur schlecht eingestehen will, aber ich habe wirklich Angst davor gehabt der Vorfall könnte sich wiederholen. Der 28. Februar war in diesen Minuten so nah wie nie die Tage zuvor. Ich habe bemerkt das die Krankheit ihn voll in den Griff hat, trotz der vielen Medikamente die er dort bekommt. Es beruhigt mich trotzdem das wir uns unter den jetzigen Umständen wieder gesehen haben und nicht erst bei der Gerichtsverhandlung.

Jetzt sitze ich hier vor dem Computer und meine Gefühle spielen Achterbahn.

9. Januar2015

Dieses wird vorerst der letzte Eintrag sein.

Die Gerichtsverhandlung war an zwei Verhandlungstagen. Insgesamt waren dort drei Richter da es sich um ein Sicherungsverfahren gehandelt hat. Meine Aussage dauerte eine lange ganze Stunde. Sammy machte von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch, um Pattys Vertrauen nicht ganz zu verlieren. Wir hatten das vorher so besprochen und er hatte mein vollstes Verständnis. Armin sagte ebenfalls aus und warf den Richtern und Behörden über all die Jahre viele Fehler, auch in der Justiz vor.

Ärztliche sowie betreuerische Akten lagen dem Gericht aus dem Jahr 2003 bis dato vor, sowie auch meinen Schriftverkehr mit Behörden und Justiz. Mit Patty durften wir während der ganzen Verhandlung keinen Kontakt halten. Er wurde regelrecht abgeschirmt, kam nur durch eine Schleuse in den Gerichtssaal. Ihm ging es sehr schlecht während der Verhandlung. Der Anwalt von Patty suchte bei mir die Schuld. Meine seelischen Erkrankungen wurden zum Spielball seiner Verteidigung und seines Plädoyers. Das medizinische Gutachten über Patty riss mir fast den Boden unter den Füßen weg. Ich wusste zwar das Patty krank ist, aber das er so krank ist wie in dem Gutachten dargestellt wurde, habe ich in meinen schlimmsten Träumen nicht einmal erahnen können. Ich möchte das hier auch nicht weiter erläutern, nur so viel: Pattys Erkrankung ist wahrscheinlich schon in ganz jungen Jahren ausgebrochen. Lange bevor wir die ersten Symptome als ernst angenommen hatten. Er hätte seine Erkrankung auf jeden Fall bekommen. Drogen haben alles nur beschleunigt.

Das Urteil war zu erwarten. Patty muss in der Forensik bleiben. Über eine Entlassung entscheiden zukünftig Gutachten und Justiz. Der Richter bestätigte die Versäumnisse von Behörden und Justiz. Zu spät für Patty, zu spät für uns. Erhofft hatte ich mir Therapie statt Strafe. Doch dafür ist Patty zu krank.

Wir müssen alle lernen damit zu leben. Hoffen das Patty irgendwann ein einigermaßen lebenswertes Leben erreichen kann. Denn nicht nur ich habe meinen Sohn an seine Erkrankung verloren, sondern auch Armin und seine Brüder.

Während ich den Halt meiner Familie habe, sitzt Patty allein in der Forensik, denn er ist durch seine Erkrankung kaum in der Lage Kontakte zu knüpfen, oder Therapien einzuhalten. Wir werden als seine Familie alles dafür tun, damit er wenigstens zu uns  Kontakt halten kann, sofern er dieses auch zulässt.

Alles andere wird die Zukunft mit sich bringen.

Ich selbst kann nur jedem raten, der diese Seiten aufsucht und nach Hilfe sucht, den ersten Schritt zur Selbsthilfe mit der Anmeldung in dem Selbsthilfeforum zu wagen. Zu Pattys Anfängen vor vielen Jahren gab es so eines in der Form nicht. Der Austausch mit anderen Betroffenen tut gut. Weitere Schritte die man unternehmen kann, werden dort gemeinsam überlegt. Meistens ist es der erste Schritt zur Selbsthilfe. Diesen Schritt sollte man viel früher wagen, möglichst noch bevor einem selbst die Luft ausgeht. Selbst wenn wir unseren Kindern nicht helfen können, so können wir uns gegenseitig stärken. Wir sind dort alle keine Therapeuten und doch profitieren wir von der einen oder anderen Erfahrung. Wir wissen wovon wir reden bzw. schreiben. Für mich ist das Selbsthilfeforum eine Oase des Gebens und des Nehmens. Dort wird man mich auch immer wieder antreffen.

Ich bedanke mich hier noch einmal für die vielen ermutigenden Gästebucheinträge, E-Mails und Freundschaften die durch diese Seite erstanden sind. Ebenso möchte ich hiermit an die Kinder gedenken, die es nicht geschafft haben.

Alles Liebe

Anja

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