"Eine Mutter kämpft gegen die Auswirkungen von Drogen und Sucht"

Montag den 21.09.2015

 

Es ist nun schon anderthalb Jahre her, seit Patty - oder genauer gesagt Pattys Krankheit - mich überfallen hat. Eigentlich wollte ich nicht mehr weiterschreiben, aber immer wieder werde ich gefragt, wie es weitergegangen ist.
Im Gegensatz zu Patty geht es mir gut. Natürlich ist nicht jeder Tag gleich gut, denn manchmal habe ich verdammt harte Rückschläge. Aber im Vergleich zu meinem letzten Beitrag geht es mir doch recht gut. Ich befinde mich immer noch in Therapie, um nach und nach das Erlebte der letzten Jahre und den Übergriff auf mich zu verarbeiten.
Die gesundheitlichen Einschränkungen, die leider bleiben werden, versuche ich zu akzeptieren. Die Ärzte können nichts mehr korrigieren, sondern nur noch behandeln und lindern. Also muss ich lernen, damit umzugehen, ohne Groll zu empfinden. Da meine Rente nur befristet ist, habe ich nun einen Verlängerungsantrag gestellt.
Was Patty betrifft: Leider möchte er keinen Kontakt mehr zu uns. Wir sind für ihn das Böse. Lediglich sein Bruder Sammy besucht ihn ab und zu. Von ihm erfahren wir dann immer den aktuellen Stand. Pattys Gesundheitszustand verschlechtert sich rapide. Er verweigert die Medikamente und dementsprechend geht es ihm auch immer schlechter. Sammy kann bei seinen Besuchen kaum noch ein vernünftiges Wort mit ihm wechseln. Zwangsbehandlungen sind in der Forensik auch verboten. Sammy ist oft niedergeschlagen deswegen und manchmal fühlt er sich nicht in der Lage, ihn zu besuchen. Zurzeit ist Patty in Isolierung und darf weder Telefonate noch Besuche empfangen. Wir wissen alle nicht, was vorgefallen ist, denn bis heute haben wir keine Auskunft erhalten. Das macht uns natürlich große Sorgen.
Dies alles tut auch Armin und mir sehr weh. Die Sehnsucht nach unserem Sohn ist groß. Dennoch weiß ich, dass Patty nur in der Forensik eine Überlebenschance hat und vielleicht irgendwann eine minimalste Chance auf ein halbwegs würdiges Leben außerhalb dieser Gitter.

 


Sonntag den 15.05.2016

 

Endlich hat sich wieder etwas Positives entwickelt, nachdem einige Monate vergangen sind.
Es kam der Tag, an dem Patty mich besuchen wollte. Zuvor war er in Isolation und später erfuhren wir, dass dies gemacht wurde, um Patty dazu zu bringen, einer medikamentösen Behandlung zuzustimmen. Mit Erfolg! Sein Gesundheitszustand verbesserte sich.
Bei unserem ersten Treffen fand eine Gesprächsrunde zwischen dem Arzt, Therapeuten, Stationsleiter, Patty, Sammy und mir statt. Als ich Patty zum ersten Mal sah, war die Begrüßung so herzlich. Wir fielen uns lange in die Arme und hatten beide Tränen in den Augen.
Obwohl ich erschrak, als ich merkte, dass er mit Medikamenten vollgepumpt war, war ich in diesem Moment so glücklich. Ein riesiger Stein fiel mir vom Herzen und das bedrückende Gefühl, das mich immer begleitet hatte, war weg.
Ich habe ihn in der Zwischenzeit immer wieder besucht, immer im Beisein des Stationsleiters und Bezugspflegers. Patty ging es immer besser und man versprach ihm, dass er bald auf die Station verlegt werden würde, auf der er für die nächsten Jahre behandelt werden sollte. Bis dahin war er auf der Aufnahme- und Krisenstation. Der Umzug auf die neue Station fand Anfang Mai statt. Letzte Woche rief Patty an und bat Armin, mitzukommen. Armin war überglücklich, da er seinen Sohn seit der Gerichtsverhandlung nicht mehr gesehen hatte.
Letzten Sonntag haben wir ihn dann auf der neuen Station besucht. Die Begegnung zwischen Armin und Patty war herzlich.
Pattys Gesundheitszustand ist so gut wie seit Jahren nicht mehr. Er ist auf einer Station, auf der nur Menschen mit psychotischen Erkrankungen sind. Dort wird versucht, den Patienten das Verständnis für ihre Krankheit zu vermitteln und diese zu akzeptieren. Ich möchte nicht zu euphorisch sein, sondern einfach nur beschreiben, wie erträglich die ganze Situation für uns geworden ist.
Früher hatte ich immer Angst, dass Patty eines Tages weggesperrt wird. Heute denke ich, dass das Beste ist, was ihm und uns passieren konnte. Es gibt viele Menschen in unserem Umfeld, die nicht verstehen, warum ich keinen Kontaktabbruch zu meinem Sohn vollzogen habe. Diese Menschen sollten einmal in meiner Lage sein, um zu verstehen, warum ich nicht gebrochen habe. Er ist und bleibt mein Kind!

 


5. September 2016

 

Leider muss ich eine traurige Nachricht übermitteln. Armin wurde mit Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Ich bin zutiefst traurig, denn ich weiß, wie aussichtslos die Prognose für diese Krankheit ist. Allerdings wurde die Diagnose so frühzeitig gestellt, dass er am Donnerstag operiert wird. Im Anschluss, wenn alles gut läuft, wird eine Chemotherapie folgen.
Das Schlimmste daran ist, dass er den Mut aufzugeben droht. Ich versuche ihm Hoffnung und Zuversicht zu geben, während ich selbst all meine Kräfte mobilisiere, um ihn zum Weiterkämpfen zu ermutigen. Die Ärzte sagen, die Operation sei gefährlich, und er hat große Angst davor. Gleiches gilt für die Angst vor der Chemo, den Schmerzen und dem Sterben. Zuerst haben wir mit unseren beiden jüngeren Söhnen gesprochen, bevor wir  Patty informierten.
Wir haben das Gefühl, dass er das Recht hat zu erfahren, wie schwer sein Vater erkrankt ist. Bevor wir es ihm jedoch erzählt haben, haben wir das Pflegepersonal informiert.
In mir drinnen spüre ich Gefühle, die ich zuvor nicht in diesem Ausmaß kannte. Während die Sorgen zuvor um unser eigenes Kind kreisten, verändert sich nun alles aufgrund der Krankheit meines Lebenspartners. Die Ängste vor dem Kommenden sind enorm. Die Angst vor dem Alleinsein, ist überwältigend.
Wir sind seit 33 Jahren verheiratet und seit 35 Jahren gemeinsam durch Höhen und Tiefen gegangen. Jetzt kämpft mein Mann allein gegen diese tödliche Krankheit. Ich kann ihn nur dabei unterstützen, diesen Kampf nicht aufzugeben.
Wie gehe ich damit um?!
Ich bin so wütend auf mein Schicksal und frage mich, wie oft es mich noch niederschlagen will.


23. September 2016

.....auch wenn man meint das einem die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs den Boden unter den Füßen wegreißt, steht die Uhr nicht still. Irgendwie lebt man so Tag für Tag mit der Erwartung auf neue Befunde, auf Hoffnung und der Angst vor den nächsten schlechten Nachrichten.

Armin hat die Operation gut überstanden. Der Kopf der Bauchspeicheldrüse, der Zwölffingerdarm, die Gallenblase, Teile des Gallengangs sind entfernt worden. Der Rest wurde mit seinem Dünndarm verbunden. Nach fünf Tagen auf der Intensivstation, konnte er auf die Chirurgische verlegt werden. Kostaufbau, Schmerzen und das endlose Warten auf die Ergebnisse der Pathologie. Die Ärzte konnten ein 3,2 cm großes Karzinom und acht Lymphknotenmetastasen entfernen. Option: Port setzen und ein halbes Jahr Chemo an.

Dann wurde er entlassen. Im Moment geht es ihm sehr schlecht. Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen, kaum ein Schmerzmittel hilft. Dadurch depressiv, keinen Appetit und wieder drei Kilo verloren. Manchmal sitze ich da und bin selbst hilf- und ratlos.

Ich persönlich habe ebenso Angst vor dem was kommt. Ich freue mich richtig auf den Termin in der Onkologie, weil ich weiß das es dann weiter geht und ihm wenigstens eine vernünftige Schmerztherapie geben kann.

Natürlich spreche ich ihm ständig Mut zu, auch wenn ich innerlich mutlos bin. Dennoch will ich an die paar Prozent glauben, die laut Statistik zu schaffen sind. Armin war schon immer ein Kämpfer. Männerschnupfen brachte ihn fast um, aber ernste Sachen bekämpfte er schon immer mit enormer Kraft. Warum sollte ihn diese Kraft jetzt verlassen und warum sollte ihn diese sch..... Krankheit in die Knie zwingen!? Ich will dran glauben das er es schafft, vor allen Dingen muss er daran glauben. Mit 52 Jahren hat man noch so viel vor in seinem Leben. Gerade jetzt wo wir endlich mal zur Ruhe kamen!!!! Wir haben noch eine Chance verdient für einen gemeinsamen, ruhigen Lebensabend!!!!!!!


29.11.2016

 

Pattys 33. Geburtstag hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ich war eine junge Mutter von 33 Jahren  als Patty seine erste Drogen konsumierte. Wir haben ihn besucht und versucht, diesen besonderen Tag mit kleinen Geschenken und einer Fotokollage von der ganzen Familie zu verschönern. In seinen Augen konnte ich erkennen, wie sehr er seine Nichten und seinen neugeborenen Neffen bewunderte. Auch er wünschte sich so sehr, Kinder zu haben! Wir freuten uns zu sehen zu sehen, wie er sich entwickelt hat. Wir hoffen nur, dass er lernt, mit seiner Krankheit umzugehen, damit er endlich ein eigenständiges Leben führen kann.


Doch leider wird unser Leben erneut auf eine harte Probe gestellt. Armin wurde etwa 20 Metastasen an der Leber diagnostiziert. Wir wissen, was das bedeutet, und dennoch gibt es noch einen winzigen Funken Hoffnung, der auf das Arztgespräch am kommenden Dienstag ruht. Trotzdem hat er einen Entschluss gefasst, den ich schweren Herzens akzeptieren werde. Wahre Liebe bedeutet auch, loszulassen. Allein der Gedanke daran zerreißt mir das Herz.
Es tut mir leid, aber ich kann an diesem Punkt nicht weiter berichten. Die Traurigkeit überwältigt mich gerade und ich kann einfach nicht mehr weiterschreiben............... 


10.12.2016

Wenn man die Diagnose Krebs bekommt, muss man lernen zu warten. Auch wenn einem Stunden wie Tage vorkommen und Tage wie Wochen. Der Termin zum Arztgespräch  war lang ersehnt, obwohl es nur wenige Tage bis dahin waren. Ja,.... und dann kam die traurige Nachricht. Armin wird an dieser Krankheit sterben. Wann........, kann uns kein Arzt sagen. Statistiken sollten wir vergessen, aber uns auch keine Hoffnung auf Heilung machen. Palliativ ist nicht gleich Sterbebegleitung, soviel habe ich jetzt gelernt. Palliativ heißt es gibt keine Heilung und es werden Behandlungen zur Lebensverlängerung und Schmerztherapie verordnet. Solange es geht und Armin es will. Irgendwann wenn Armin nicht mehr kann und will  wird man ihm beim würdigen Sterben begleiten. Wie geht ein Mensch mit so einer Diagnose um? Nicht gut!!! Tränen, Wut, Trauer und vor allen diese Hoffnungslosigkeit. Kein Plan für die Zukunft, außer er habe noch so viel zu erledigen. Resignation, viele, viele Gedanken, gute wie schlechte.

Ich spreche ihm Mut zu, denn wir haben noch eine Zukunft. Zwar nicht allzu viel, aber immerhin. Wir haben die Zeit noch Abschied zu nehmen, gemeinsam Dinge zu unternehmen die uns wichtig sind. Ich will nicht wissen was in einem Jahr ist, sondern mit ihm jeden gemeinsamen Moment genießen den wir noch haben. Wenn er arbeiten möchte, soll er es tun. Soll er das tun was ihm Spaß macht. Das einzige was ich ihm noch schenken kann ist meine Zeit, meine Liebe, mein Umsorgen, unsere Gespräche und unseren Zusammenhalt. Den letzten Gang muß er dann leider alleine antreten. Ich werde nicht alleine um ihn trauern, sondern da gibt es noch unsere Kinder, Enkelkinder, meine Mutter und Familie. Sie alle werden von mir erwarten das ich stark bleibe. Wie immer!!!! Dabei möchte ich jetzt gerade schreien. Meine ganze Wut, meinen Frust, meine Trauer aus der Seele schreien.

Es gibt aber noch so etwas wie einen kleinen Funken Hoffnung tief in mir: Das die Chemo doch noch greift!!!!!


23.12.2016

Ich wünsche allen eine ruhiges und besinnliches Weihnachtsfest


12 Januar 2017

Ich hoffe das alle gut ins Jahr 2017 gekommen sind.

Die Chemo bei Armin hat gegriffen. Metastasen sind weniger und auch kleiner geworden. Das war eine gute Nachricht. Uns ist etwas Zeit geschenkt worden und wir wollen sie natürlich nützlich und intensiv miteinander genießen. Allerdings macht uns Patty Sorgen. Erst letzte Woche habe ich mit dem Pflegepersonal gesprochen, um Patty doch zu sagen das die Lebenszeit bei Armin begrenzt ist. Wir alle wollten schauen wie wir es ihm sagen.  Vorgestern haben Armin und ich ihn besucht. Im Vorfeld sagte man uns das Patty noch immer recht psychotisch ist. Das ist es nicht was mir auch Sorgen macht, denn das wusste ich schon, sondern als ich ihn dann sah, wirkte er sehr gedrückt. Patty hat zu seiner Psychose gerade eine sehr schwere Depression. Er will gar nicht mit dem Arzt oder seinem Bezugspfleger darüber reden. Es hat mich erschrocken das er nicht mehr leben will. Er war sehr traurig, einsilbig und monoton. Ich bin froh das wir ihm noch nicht gesagt haben wie es um Armin steht, zumal es jetzt ja bei Armin etwas besser aussieht.Patty musste Armin und mir versprechen, daß er sich nichts antut. Das Pflegepersonal haben wir über seinen depressiven Zustand informiert. Ich glaube aber das sie auch darauf geschult sind, damit umzugehen.

Nach dem Besuch bei Patty fiel ich erst einmal in ein riesiges Loch. Ich musste mir heute erst einmal in den Hintern treten, damit ich wieder rauskrabbel. Die Traurigkeit wandelt sich um in Wut. Wut darüber das man nicht zur Ruhe kommt, weil immer irgendwas kommt. Ich werde mir einen Boxsack kaufen und so darauf rumtrimmen bis ich meine ganze Wut rausgeprügelt habe. Vielleicht ist das eine gute Selbsthilfe.

17.04.2017

Eine längere Zeit habe ich nicht geschrieben. Manchmal brauche ich etwas Abstand, zudem gibt es auch so etwas wie Schreibblokaden. Für vieles findet man nicht die richtigen Worte, weil der Kopf und manchmal auch die Seele zumacht.

Mittlerweile  weiß Patty das Armin sterben wird.  Er ruft jeden Tag an, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Patty geht es auch wieder etwas besser, obwohl zwischenzeitlich immer kurzweilige depressive Episoden auftreten. Unsere Familie geht ihn auch in kürzeren Abständen besuchen. Das heißt das seine Oma, mein Neffe und Sammy regelmäßig bei ihm vorbei schauen. Cally schafft es nicht so gut. Er leidet sehr unter dem Trauma seiner Kindheit. Zum Pflegepersonal haben wir alle einen guten Kontakt. Auch bekommen wir regelmäßig Updates über seinen gesundheitlichen Zustand. Ich freue mich über jeden Anruf und jeden Besuch bei ihm.

Armin geht es leider immer schlechter. Alle zwei Tage kommt der Pflegedienst und setzt ihn künstliche Nahrung über den Port. Am Wochenende übernehme ich das. Er hat Wasser in den Beinen, Nervenschädigungen in den Fingern, Zahnfleisch stark entzündet und oft übergibt er sich. Seine Kräfte lassen nach und nach, nach. Vieles sind Nebenwirkungen der Chemo, doch auch der Krebs raubt ihn seine Energie. Die Schmerzen machen ihn oft ungerecht und missmutig mir gegenüber.

Wir ziehen im Juni in eine kleine Wohnung mit geringerer Miete. Armins Ziel ist es mir diese Wohnung einzurichten. Ich habe nur furchtbare Angst davor, das er dann denkt, dass er gehen kann. Ich möchte noch eine lange Zeit mit ihm auch in der neuen Wohnung genießen. Sammy zieht in unsere jetzige Wohnung. Wir sind dann nur ein paar Häuser voneinander entfernt, denn Sammy möchte sich gerne um uns kümmern, da auch ich wieder schwer erkrankt bin. Nach mehreren Darmoperationen trage ich einen vorübergehenden künstlichen Darmausgang. Durch die Menge der OP´s erhole ich mich sehr schwer und habe leider noch starke Schmerzen. Ich werde aber hoffentlich wieder gesund.  

Manchmal frage ich mich, ob das der Preis für diesen jahrelangen Stress ist, ohne Patty einen Vorwurf machen zu wollen.



19.06.2017

Mittlerweile haben wir unsere kleinere Wohnung bezogen, während Sammy in unserer alten Wohnung eingezogen ist. Die Renovierungen sowie Umzüge waren ganz schön anstrengend. Mir fehlt nur noch eine Küche, solange habe ich mir notdürftig mit Kochplatte, Wasserkocher und Mikrowelle etwas eingerichtet. Ich nenne das großzügig "Designerküche".

Die Besuche bei Patty sind immer wieder ein Highlight für ihn und uns. Sein Gesundheitszustand ist gleichbleibend und den Umständen entsprechend gut. Ich hoffe das Armin ihn noch eine längere Zeit besuchen kann. Allerdings habe ich dort auch schon vorgesprochen das, wenn das nicht mehr der Fall sein sollte, Patty mit einer Begleitperson ihn besuchen kann.

Armin geht es nicht so gut. Es ist ein sehr langsames sterben. Chemo haben wir für eine Zeitlang abgebrochen, damit er sich wenigstens davon erholen kann. Nach einem Gespräch mit dem Onkologen wird diese jetzt verändert fortgesetzt. Wir sollen noch eine andere Möglichkeit probieren. Jedoch wenn wir bemerken das die Chemo ihn genauso hinrafft wie die bisherige, sind wir am überlegen diese dann auch abzubrechen. Uns geht es um die Lebensqualität. Dann lieber eine kürzere Zeit die qualitativ besser zu leben ist, wie auf langer Hinsicht nur Schmerzen, Erbrechen und die ganzen anderen schrecklichen Nebenwirkungen, die diese Behandlung mit sich bringt. Dennoch sind das alles Entscheidungen die Armin alleine treffen muss, die Überlegung hatten wir nur beide. Ich muss nicht mit den ganzen Nebenwirkungen leben, nur zusehen wie ihn das alles hinrafft. Letzten endlich führt alles beide bis zum Tod und seine Lebensuhr läuft langsam ab, so weh uns das auch tut. Trotz der Chemo haben sich wieder neue Lebermetastasen gebildet. In Kürze bekommt er auch ein MRT des Kopfes, um zu schauen ob sich nicht auch schon Hirnmetastasen gebildet haben. Krebs ist eben ein Arschloch, nicht nur für die Betroffenen, sondern dem ganzen Rattenschwanz der dranhängt. Fazit ist: Auch jeder verdient auch noch an dieser Krankheit. Was haben wir schon ein Geld an Medikamente ausgegeben, die von den Kassen nicht übernommen werden. Natürlich auch für den Funken Hoffnung an Naturheilmitteln. Ist Gesundheit ein Ding was sich nur reiche Leute leisten können? Nein, die beißen genauso wie alle anderen ins Gras! .Jedoch hat einer der besser betucht ist als wir, nur mehr Möglichkeiten. Ich will nur nicht verbittern. Es gibt soviel Elend auf dieser Welt, da können wir uns hierzulande ja noch glücklich schätzen.

Ich selber werde ebenfalls immer dünner. Anfangs dachte ich, dass liegt an meinem künstlichen Darmausgang, doch ich glaube wenn ich ehrlich bin, ist es meine Seele die leidet. Armin verändert sich durch Krankheit und Schmerz. Manchmal bin ich nahezu wütend auf ihn und dann tut er mir wieder furchtbar leid und habe ein schlechtes Gewissen über die schon mal aufkommende Wut. Es gibt so viele Situationen, da könnte ich in den nahegelegenen Wald laufen und mir die Seele rauschreien. Da gibt es tatsächlich Tage da möchte ich lieber tot sein, als mir das Leid und Elend ansehen Ich weiß allerdings das ich mir und allen anderen die mich lieben das nicht antun kann. Das hält mich!!! Wer mir erzählt das die letzten Tage, Wochen, Monate einer Erkrankung von der man weiß, dass diese unwiderruflich zum Tod führt die schönsten und vertrauensvollsten des Lebens oder Zweisamkeit wären, der hat für mich schlichtweg gelogen. Vielleicht lebe ich auch ein anders Leben in der letzten Zeit unserer Zweisamkeit. Es ist vielleicht die intensivste Zeit mit Achterbahnen der Gefühle. Gefühle wie Wut, Trauer, Hass, Hoffnung, Liebe und Verzweiflung. Am Schlimmsten ist die Verzweiflung und keine Chance auf Hoffnung. Angst vor dem Allein sein, mit einem Haufen Probleme. Angst davor Patty`s Entlassung irgendwann mal alleine durchzustehen und vielleicht mit dem ganzen Wahnsinn der da noch kommt. Angst vor der Trauer, Angst vor der Trauer meiner Kinder, Angst, Angst, Angst!!!! Ach vielleicht mache ich mir einfach nur zu viele Gedanken. 


30.10.2017

Armin ist am 4.10.20017 um 8.20 Uhr nach qualvollen Tagen des Schmerzes in meinen Armin eingeschlafen.



Er wurde 53 Jahre alt.


 

Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichen
Sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,
Und während Tage und Jahre verstreichen,
Werden sie Stein.

Du sprichst und lachst, wie wenn nichts wäre,
Sie schreien zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
Bis in den Traum.

Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,
Die Welt wird ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
Da blüht nichts mehr.


Ricarda Huch


 

 Armin, Du wirst immer in meinem Herzen sein!

Dieses wird mein vorerst letzter Eintrag sein. Zu groß ist meine Trauer, der Schmerz, Armin so leiden gesehen zu haben. Sein Tod war für ihn eine Erlösung. Armin hat fast alle Ziele erreicht, die er noch erreichen  wollte. Mir die kleine Wohnung einzurichten und eben für viele Dinge gesorgt um mir ein Leben ohne ihn zu ermöglichen. Nur das Weiterleben ohne ihn fällt mir schwer. Viele Menschen haben sich von ihm noch verabschiedet. Ich glaube er wäre sehr gerührt gewesen.

Am 9.11. werde ich mir meinen künstlichen Darmausgang zurückverlegen lassen. Es wäre zwar zu seinen Lebzeiten sein Wunsch gewesen, doch er war zu krank, als das ich unbesorgt meine OP hätte machen lassen können. Ich werde nun alleine klar kommen müssen. Ich habe ihm versprochen, ich werde stark sein, damit unsere Kinder nicht um zwei Elternteile trauern müssen. 

Auch wenn es schwer fällt und ich jeden Tag aufs neue heule wie ein Schlosshund, werde ich diese schwere Zeit durchzustehen.

Armin und ich waren 36 Jahre zusammen, davon 34 Jahre verheiratet. Wir wollten immer kirchlich heiraten und haben es nicht getan. Dafür habe ich seine Urne selbst aus der Kapelle getragen, so sind wir wenigstens den letzten Schritt gemeinsam aus der Kirche gegangen. Er ist und war die Liebe meines Lebens.


Montag den 25.06.2018


Nach einem Interview bei einem Radiosender habe ich mir überlegt auch wieder zu schreiben. 


Was bisher geschah:

Ich bin nach der Beerdigung von Armin erst einmal durch ein tiefes Tal der Tränen gegangen. 14 Tage nach seiner Beerdigung habe ich mich erst einmal wieder ins Krankenhaus begeben, um meinen künstlichen Darmausgang zurückverlegen zu lassen. Danach bin ich kaum aus dem Haus gegangen, habe mich eingeigelt und meine Trauer mit mir und meiner Familie freien Lauf gelassen.

Patty durfte sich auch von Armin verabschieden und ebenso auch mit zur Beerdigung. Das Personal was ihn begleitete war sehr, sehr nett und einer der Pfleger ist auch jetzt noch ein wichtiger Ansprechpartner für mich geworden. Ausnahmslos ist das Pflegepersonal begeistert von dem Zusammenhalt in unserer Familie begeistert. Was mir persönlich gut getan hat ist, dass alle meine Söhne unabhängig voneinander Armin gesagt haben: " Papa Du hast alles richtig gemacht!" So konnte Armin in Frieden gehen.

Da ich trotz des Zusammenhalts in meiner Familie zunächst nicht zu mir kam und auch ein wenig Ruhe brauchte, bin ich nochmals in eine psychosomatische Klinik gegangen. Dort vermittelte man mich in einer Trauerhilfe. Die Besuche dort führe ich einmal wöchentlich fort. Im Februar starb mein Schwager, der Mann meiner Stiefschwester. Ich begleitete sie dann zur Ostseebestattung. Dann beschlossen meine Stiefschwester und ich gemeinsam in den Urlaub nach Spanien zu fliegen. Es war ein sehr schöner Urlaub, wir lachten und weinten zusammen. Schon während meines Urlaubs erkrankte meine geliebte Tante, die dann nach meiner Rückkehr wenig später verstarb. Letzte Woche war ihr Beerdigung in einem Friedewald.

Patty bekam eine neue Medikation zwischen zwei Medikamenten. Diese schlug zunächst gut an. Durch eine Blutuntersuchung stellte man fest, dass er Blut im Körper verliert. Nach einer Magenspiegelung diagnostizierten die Ärzte, dass er aus einem Geschwür blutete, wobei er mehrere Geschwüre im Magen uns Speiseröhre hat. Er bekommt dagegen Medikamente.

Letzte Woche hatte er einen erneuten leichte Krise, aber dort in der Forensik ist er in guten Händen. Wäre sein Krankheitsbild nicht so chronifiziert hätte er schon längst mehr Lockerungen. So kommt er nur langsam aber stetig voran. Alle 14 Tage gehe ich ihn besuchen. Ebenso geht der Rest der Familie regelmäßig hin.

Ich habe mir mit der Zeit ein kleines Netzwerk aufgebaut damit ich nicht in dieses berühmte Loch falle. Therapeut, Trauerhilfe und Freunde. Die Welt dreht sich weiter und ich ertappe mich des Öfteren dabei, auch wieder Pläne zu machen. Ich habe ein kleines Kätzchen das mir über die einsamen Stunden hilft und mutiere zur Superoma. In 4 Wochen erwarte ich mein fünftes und Anfang Dezember mein sechstes Enkelkind. Somit bin ich eine junge Oma von einem Haufen kleiner bis mittelgroßer Enkelkinder. Ende September werde ich noch einmal mit meiner Stiefschwester nach Spanien fliegen und dann versuche ich mich ehrenamtlich ein wenig in der Suchthilfe zu beteiligen.  Armin wird immer in meinem Herzen bleiben.


10.08.2018

Immer mehr Struktur bekomme ich in mein anderes Leben ohne Armin. Ich werde wieder selbstbewusster, treffe mich immer mehr mit Freunden, unternehme viel mit meinen Enkelkinder und plane. Zu meinem anderen Leben gehört auch künftig mit einer kleinen Rente, sowie Witwenrente auszukommen. Aus meiner Erwerbsunfähigkeitsrente auf Zeit, wurde eine Dauerrente und ...........erst einmal war ich schockiert. Hatte ich doch vor wieder zu arbeiten. Im Prinzip ein Wunschtraum, denn leider ist meine Gesundheit schon sehr eingeschränkt. Doch eingestehen weil ich wirklich ziemlich rappelig bin, wollte ich mir das nicht. 

Doch wo sich die eine Türe schließt, öffnet sich eine andere. Im Oktober eröffne ich mit Hilfe des PHOS (Palliatives Hospiz) eine Selbsthilfegruppe für junge Witwen und zum anderen wird mein Traum in der Suchtselbsthilfe tätig zu werden, vielleicht auch noch möglich. Ich bin nach wie vor der Mensch der anderen sehr viel zu geben hat und wenn es auch nur mit meinen Erfahrungen ist.

Patty gehe ich dieses Wochenende wieder besuchen. Wir führen mittlerweile sehr schöne Gespräche. Der Tod seines Vaters hat Patty sehr geprägt. Fast täglich ruft er bei mir an, nur um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Ich würde mich sehr freuen, wenn Patty irgendwann mehr Lockerungen bekommen würde. Doch leider braucht alles seine Zeit und diesmal geht es mir fast zu langsam.


1.März 2022

Patty wurde endlich aus der Forensik entlassen. Er zog in eine betreutes Wohnheim. Er lernt nun sich auf die neuen Umstände einzugehen. Es hat sich in acht Jahren viel verändert, damit muss er erst einmal zurecht kommen. Er ist glücklich wieder in Freiheit zu sein. Ich wünsche mir das er es schafft und ein für sich lebenswertes Leben aufbauen kann. Wir sehen uns regelmäßig und bisher klappt das ganz gut.